Leseprobe

 

Ein Stück weiter vorne hob eine mir mittlerweile wohlbekannte Gestalt den Kopf aus dem Wasser und schwamm dann rasch näher. Sie zog sich aus dem Meer an den Strand und robbte, ganz nah, an die Mauer heran.

„Geht es dir wieder gut?“, erkundigte sie sich interessiert und richtete sich dann auf.

In ihrem weizenblonden Haar hatte sich grüner Seetang verfangen und ihre Flosse schimmerte in der Abendsonne wie glühende Kohle.

„Ja, tut es. Und danke.“, antwortete ich unwillig.

„Wofür denn?“, fragte sie mit gespielter Unwissenheit und lächelte spitzbübisch.

„Dass du mich aus dem Wasser gezogen hast. Ohne dich wäre ich ertrunken.“, erklärte ich ihr genervt.

Sie strich sich eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht und ich sah eine ovale Wunde an ihrem Unterarm.

„Was hast du denn gemacht?“, wollte ich wissen und deutete mit dem Zeigefinger darauf.

„Ach, da hat man versucht, ein Stück aus mir herauszuschneiden. Um es zu essen.“, sagte sie lachend.

„Im Ernst, was ist passiert?“, bohrte ich weiter.

„Ein Fisch hat mich gebissen. Das kommt vor. Tut nicht besonders weh.“, antwortete sie leichthin.

Seufzend schaute ich mich um, konnte niemanden sehen und lies mich dann von der Mauer auf den Sand fallen. Direkt vor ihr kam ich auf und betrachtete die Verletzung. Es war kaum mehr als eine Abschürfung.

„Das war kein Fisch. Das war ein Neunauge.“, erklärte ich ihr und lies ihren Arm los.

„Doch, es war ein Fisch. Ein Langer. Und er hatte nur zwei Augen.“, widersprach sie mit tiefster Überzeugung.

Ich schmunzelte und sagte:

„Neunaugen sind keine richtigen Fische, sondern gehören einer anderen zoologischen Gattung an. So wie Äpfel keine Birnen sind, obwohl sie ähnlich aussehen und am Baum hängen. Verstehst du?“

Zuerst dachte ich, sie könnte mit dem Vergleich nichts anfangen. Woher sollte ein Wesen wie sie schließlich wissen, was Äpfel und Birnen waren? Aber dann erhellte sich ihr Gesicht.

„Sie sehen ähnlich aus, aber gehören nicht zusammen.“

Ich nickte. Ganz so dumm, wie ich dachte, schien sie doch nicht zu sein.

„Aber warum ist der Unterschied so wichtig?“, wollte sie wissen.

Darauf wusste ich keine Antwort und sagte:

„Das weiß ich auch nicht. Irgendwelchen Menschen ist es wichtig, alles genau zu erforschen und zu katalogisieren.“

Und manche Menschen waren wichtiger als andere, dachte ich mir.

Verständnislos erwiderte die Meerjungfrau:

„Das verstehe ich nicht.“

Mit ihr zu sprechen war so, als wenn ich mich mit einem kleinen Kind unterhielt. Aber dafür fehlte mir die Geduld und erschien mir irgendwie unsinnig. Schließlich war sie ein Fairy, auch wenn ich ihr mein Leben verdankte.

„Nicht so wichtig.“, murmelte ich deswegen.

„Bist du traurig? Du siehst traurig aus. Meine Freundin ist auch oft traurig.“, merkte sie an.

„Ja.“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Wieso?“

„Nicht so wichtig.“, wiederholte ich.

„Wenn es nicht wichtig ist, warum macht es dich dann traurig? Ihr Menschen seid wirklich seltsam.“

Diese Bemerkung versetzte mich sofort in Rage.

„Wenn wir Menschen dir so seltsam vorkommen, warum verschwindest du dann nicht einfach dahin, wo du hergekommen bist? Wir wollen euch nicht hierhaben! Dich nicht und deine restliche, mörderische Brut schon gar nicht!“

„Du bist komisch. Erst bedankst du dich, dann brüllst du mich an. Bist du krank?“, fragte sie mich verblüfft.

Nein, aber kurz davor, sie zurück ins Meer zu werfen, wo sich ihre schuppigen Freunde vorzugsweise aufhielten.

„So was muss ich mir von einer Meereskreatur nicht sagen lassen!“, schnappte ich und sprang zurück auf die Mauer, wo ich mich noch einmal zu ihr umdrehte.

„Komm mir bloß nicht noch einmal unter die Augen!“

Verständnislos zuckte sie zurück. Ich sprang auf den Bürgersteig und lies die Mauer hinter mir.

Leseprobe

Ich traf Freddy und Sergej neben den gelöschten Überresten eines ausgebrannten Kleinwagens auf einem Parkplatz. Es hatte am Morgen in ihrem Revier einen Angriff gegeben, welcher aber relativ schnell unter Kontrolle gebracht worden war. Ein Bolzenschuss hatte Freddy an der Hüfte gestreift und ein Sanitäter versorgte die Wunde. Sergej half, ein paar Meter weiter, zusammen mit ein paar Heeressoldaten, die Leichen der Elfen auf einen Laster zu laden. Dem Zustand der Fairys nach hatte mein bester Freund sehr schlechte Laune.

„Hey Killerqueen, sprich mal ein Machtwort! Der Sani veranstaltet hier einen verfluchten Affentanz wegen ´ner kleinen Fleischwunde!“, rief er mir zu.

Unbeeindruckt verrichtete dieser weiter seinen Dienst und zog eine Spritze auf.

„Ihren Daten zufolge ist ihre letzte Impfung überfällig. Haben Sie keine Meldung erhalten?“, fragte er und rammte ihm gekonnt die Nadel ins Fleisch.

Freddy winkte genervt ab.

„Scheiße, hole ich noch nach. Jetzt mach hier Mal nicht so ´ne Welle und sieh zu, dass du Land gewinnst.“

Ich runzelte die Stirn. Als sich der Sanitäter nach getaner Arbeit entfernte, fragte ich leise:

„Verdammt, was ist los mit dir?“

„Bin absolut urlaubsreif. Kaum Saft mehr in den Akkus. Und so ein Trottel hat in seiner Panik ´ne Brandgranate geworfen, nicht richtig gezielt, zu kurzer Wurf. Hier ist ein Wohngebiet, verdammt nochmal! Es hätte wer weiß was passieren können! Entweder werden die Heersoldaten dümmer oder der Ausbildungsstandart wurde heruntergesetzt.“

Unter seinen Augen waren dunkle Ringe zu sehen und er lächelte gequält. Ok, er war wirklich mehr als urlaubsreif. Sergej rief uns und als ich mich umdrehte, hielt er sich den Kopf eines Elfen vor den Schritt und machte eindeutige Hüftbewegungen. Wir, die Umstehenden eingeschlossen, mussten herzhaft lachen.

„In ya face, bitch!“, rief Sergej, riss den rechten Arm in die Luft und feuerte eine Salve ab.

„Good night, Fairy pride!“, brüllte ein Soldat und wir stimmten in den Ruf mit ein.

„Scheiße, beweg deinen Arsch, Kumpel, die Anwohner wollen wie gewohnt weiterleben!“, brüllte Freddy und Sergej salutierte scherzhaft.

Das galt nicht für alle der besagten Bewohner. Ich sah einen Typ in billiger Sportbekleidung tot auf der Kühlerhaube einer Rostlaube ohne Reifen liegen. Er war fast in zwei Hälften gerissen worden. Rippen und Eingeweide schimmerten gut sichtbar in der Sonne. Entweder ein dummer Schaulustiger oder er war unter dem Einfluss von Betäubungsmittel in den Kampf geraten. Wieso auch immer, jetzt diente er wenigstens noch als abschreckendes Beispiel. Die Sanitäter ließen sich Zeit damit, eine Plane über ihn zu legen. Ich war wohl nicht die Einzige, die pädagogische Tätigkeiten erledigen musste.

„Lasst euch ruhig Zeit, hab heute nichts mehr vor!“, rief ein Mann von einem Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Er trug ein fleckiges, einstmals weißes Unterhemd und trotz der frühen Stunde hielt er in Bier in der Hand. Sein Haar stand ungekämmt von seinem Kopf ab.

„Scheiße, Jürgen, du solltest im Schutzbunker sitzen und nicht am Fenster!“, rief Freddy ihm gereizt zu.

Der Angesprochene zuckte gleichgültig mit den Schultern und sagte nichts dazu. Hier, im Außenbezirk der Gemeinde, herrschte ein völlig anderes gesellschaftliches Klima als in meinem. Hohe Arbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven, hohe Kriminalität und graue Fassaden prägten das Leben der Menschen hier. Die Sicherheitsvorkehrungen waren auf das Nötigste beschränkt. Kam es zu Beschädigungen infolge eines Risses, dauerte es lange, bis Aufräum- und Sanierungsarbeiten stattfanden. Und wenn die Bewohner aus den Schutzbunkern in ihre Wohnung zurückkehren wollten und fanden diese zerstört vor, tja, dann mussten sie auf unbestimmte Zeit bei Freunden unterkommen. Versicherungen konnten sich viele der hier lebenden Menschen nicht leisten und die Vermieter der Sozialwohnungen ließen sich gern Zeit mit Reparaturen. Es wurde akustisch Entwarnung gegeben und ich beobachtete stirnrunzelnd, wie eine alte Frau, die sich schwer auf ihren Gehwagen stützte, auf Sergej zuging und ihm das Gesicht tätschelte.

"Sicher, dass ihr Jäger seid und nicht bewaffnete Sozialarbeiter?", bemerkte ich säuerlich und bekam von Freddy prompt eine Antwort.

"Scheiße, im Gegensatz zu ´ner gewissen rumhurenden Kollegin haben wir etwas, dass sich Nächstenliebe nennt. Schon mal was von gehört? Findet im Herzen statt und nicht in der Hose."

"Gutes Stichwort. Du hörst dich ungefickt an, mein Bester.", konterte ich und schaute Sergej entgegen, der trabend auf uns zulief.

"Ja, ist schon wieder vier Stunden her, hab schon blaue Eier. Kannst mir ja im nächsten Hinterhof zur Hand gehen."

"Lieber nicht, sonst breche ich mir noch die Hand.", sagte ich versöhnlich und Freddy schlug mir lachend auf den Rücken.

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