Der Club, in dem wir heute Nacht auftreten sollten, war eine ehemalig Bahnhofhalle. Die Besitzer hatten einige Umbaumaßnahmen erledigen lassen und das Ergebnis war interessant. Ein Mix aus hochmoderner Architektur und Retro, also der Alptraum jeder Bauaufsichtsbehörde. An den Wänden bröselte der mit Graffiti besprühte Verputz auf den hochwertigen Holzboden und hinter der Bar, die an ein Erbstück aus Urgrossmutters Zeiten erinnerte, liefen aufgebrezelte Gestalten herum, bei denen mir erst auf den zweiten Blick eine genaue Geschlechtszuordnung gelang. Ich trug grade den Verstärker zur Bühne. Vor unserem Auftritt hatte eine Modelagentur ein Casting veranstaltet und ein paar der Mädels, die sich beworben hatten, liefen hier noch herum. Die meisten hatten einen entrückten, nach innen gekehrtem Ausdruck im Gesicht. Und bei nicht wenigen war das Make-up um die Augen verdächtig verschmiert. Es war ein hartes Business und viele der jungen Frauen hatten wohl erst jetzt bemerkt, dass mehr dazu gehörte als ein bisschen mit dem Hintern zu wackeln. Manche von ihnen sahen aus wie Striche auf zwei Beinen. Keine nennenswerten Titten, flacher Arsch und schmale Gesichter. Aber einige waren echt scharfe Geschosse. Ich befand mich zwar grade mehr oder weniger in einer Beziehung, aber mein Mädchen war grade nicht hier. Wenn es so wäre, würde ich in einer Tour ihre Blicke im Rücken spüren.

Ich war zu diesem Zeitpunkt grade mal Anfang zwanzig. Menschen hatten ihre Pubertät in dem Alter schon lange hinter sich und dachten an Bausparverträge und Familienplanung. Aber ich bin kein Mensch. Ich bin ein, Trommelwirbel, Vampir. Teufel, bitte vergesst einen Moment diese alte Mär von gruseligen Gothic Gestalten, die im Sarg zu pennen pflegen und in Schlössern leben! Ich will nicht beschwören, dass nicht vielleicht ein paar von uns auf diese Scheiße stehen. Exzentriker oder Irre gibt es schließlich in jeder Kultur.

Wir Vampire kamen, wie die Elfen, durch magische Portale zu den Menschen. Aber im Gegensatz zu den Elfen wollten wir keinen Krieg vom Zaun brechen. Nein, wir haben kein Interesse daran, die Erde einzunehmen und neu zu bevölkern. Unsere Motivation war eine gänzlich andere. Als die Elfen die Propagandamaschine anwarfen und laut tönten, die Menschheit sei dem Untergang geweiht, es sei der Wille Gaias, haben wir uns zunächst halbtot gelacht. Ja ja, macht ihr Mal, dämliches Volk. Es herrschte kein Konflikt zwischen ihnen und uns, aber sie waren und sind für uns die spitzohrigen Blutsäcke und wir für sie die barbarischen Raubtiere. Auf der einen Seite die zierlichen Elfen, die sich so viel auf ihre Kultur und hübschen, prunkvollen Städte einbilden und auf der anderen Seite wir Vampire, die jederzeit bereit für eine körperliche Auseinandersetzung sind und die mit ihrer Familie auch mal im Dreck pennen, wenn es nicht anders geht. Wir sahen eine Weile zu und als uns klar wurde, dass die Silberaugen ernst machten und sich bewaffneten, gingen wir dazwischen. Eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen zwei Heeren, das war eine Sache. Aber dressierte Wyvern und Greife auf Frauen und Kinder zu hetzen, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Also trafen sich eines Nachts (ja, dieser Teil der Legende ist wahr. Wir vertragen kein Sonnenlicht) die Packs, unter allen Anführern wurden die Ältesten und Erfahrensten gewählt und diese wählte wiederum drei aus, die entscheiden sollten, wie unser Volk reagieren sollte. Runen wurden geworfen, die Götter angerufen und Getränke zu sich genommen, die einen Kontakt zur spirituellen Welt ermöglichen sollten. Und nach drei Nächten stand fest, dass wir unser Land verlassen und übersiedeln würden. Teufel, ich weiß, wie sich das anhört. Wie ein verdammter, alles beschönigender Mythos. Ganz klare Trennung zwischen Gut und Böse, die heroischen Vampire, die feindseligen Elfen, ein Götterorakel und die gutherzige Entscheidung, den Menschen beizustehen. Keine Ahnung, ob es wirklich so war. Ich bin nicht dabei gewesen. Außerdem ist es schon lange her und auch Zeitzeugen legen sich irgendwann zur ewigen Ruhe. So ist der Lauf der Dinge. Langer Rede, kurzer Sinn, wir kamen den Menschen durch einen Riss in Skandinavien zur Hilfe und nach ein paar vorsichtigen Annäherungen waren sie von unserer guten Absicht überzeugt. Aus zwei Völkern wurde ein Volk. Teufel, ich weiß nicht mal genau, wann wir angeklopft haben. Im Geschichtsunterricht hab ich entweder ein Nickerchen gemacht oder auf dem Schulklo geraucht. Es war im Jahr 2050, glaube ich. Vor um und bei 250 Jahren.

Was unterscheidet einen Vampir von einem Menschen? Am offensichtlichsten das Äußere. Wir haben, wie ich bereits erwähnte, ein Problem mit Sonnenlicht. Die UV-Strahlung reagiert mit einem unserer Enzyme und wir bekommen innerhalb kürzester Zeit einen üblen Sonnenbrand. Deswegen tragen wir eine, ich sag mal, vornehme Blässe zur Schau. Unsere Augen sind größer als eure, gänzlich schwarz und unbeweglich. Macht aber nichts, dafür können wir unsere Köpfe um dreihundertsechzig grad drehen. Wie Eulen. Unsere Finger enden in langen, gebogenen Klauen. Hervorragend geeignet, um Beute zu packen und festzuhalten, während wir unser Raubtiergebiss in das pulsierende Fleisch hauen. Schon mal einen Haifisch gähnen gesehen? So ungefähr sehen auch unsere Hauer aus. Wäre noch zu erwähnen, dass wir kräftiger und schneller als Menschen sind.

So, genug der Angeberei, ich bin also ein Vampir. Ernähre mich vorwiegend in flüssiger Form oder von rohem Fleisch. Aber jagen muss ich nicht, denn in zahlreichen Blutspendezentren kann ich mir jederzeit ein paar Beutel abholen. Oder ich marschiere zum Metzger oder in den nächsten Supermarkt. Na ja, am liebsten in den Supermarkt, denn da gibt es auch Whiskey.

Ich stellte den Verstärker neben das restliche Equipment und schloss alles ans Stromnetz an. Nein, ich war kein Rowdy, sondern Frontman der Band, die sich „Burning Fist Of Odin“ nannte. Kennst du nicht? Sei froh. Stell dir vier Kerle vor, die sich musikalisch selbst sehr überschätzten und deren Texte sich darauf beschränkten, wie toll sie selbst und wie dämlich der Rest der Welt war. Wir kamen uns damals richtig hammerhart vor. Und wer diese Ansicht nicht teilte, bekam eins aufs Maul. Ganz einfach. Teufel, dass der Allvater nicht persönlich bei einem unserer Konzerte auftauchte, um seinen Speer in unseren Eingeweiden zu parken, war wohl großes Glück. Seinen Namen für diese drittklassige Combo zu missbrauchen war schon sehr anmaßend. Wahrscheinlich verdrehte er in Walhall das Auge, wenn der Lärm, den wir fabrizierten und Kunst nannten, zu ihm drang. Ich klopfte prüfend an das Mikrofon, das in einem wackeligen Ständer vor mir stand, schaute über die Tanzfläche- und sah sie.

Mein Blut wanderte sofort in meine Nudel. Da stand ich, mit einer Beule in der Hose, mitten auf der Bühne, unfähig, mich zu bewegen oder den Blick von dem schönsten Geschöpf der Erde abzuwenden. Sie trug ein bodenlanges, schwarzes Kleid, das ihren perfekten Körper umschmeichelte und die langen, aschblonden Haare zu einer Hochsteckfrisur frisiert. Mit einem Sektglas in der Hand unterhielt sie sich mit einem untersetzten Typen, dessen Brille so dick wie der Boden eines Bierglases war und seine wässrigen Augen unnatürlich vergrößerte. Alles an ihr war vollkommen. Die Rundungen ihres Leibes, die makellose Blässe ihrer Haut, das wunderschöne Gesicht mit den glänzenden, nachtschwarzen Augen. Ihre Klauen waren mit mattem, schwarzen Nagellack überzogen, erstklassig abgestimmt auf das mit Pailletten besetzte Kleid, das im Rücken tief ausgeschnitten war und nur knapp oberhalb ihres knackigen Hinterns endete. In diesem Augenblick hörte die Welt um mich herum auf zu existieren. Und konzentrierte sich allein auf die Göttin in den Highheels vor mir. Ich wollte sie haben, auf der Stelle!

Normalerweise reagierte ich nicht so auf Frauen. Anquatschen, abschleppen, ficken und vergessen. So jedenfalls hatte ich es bisher immer gehandhabt. Ich sah gut aus, jedenfalls für die Art von Weibern, die auf Bad Boys standen. Knapp eins neunundachtzig, breite Schultern, rasierter Kopf und ein geflochtener, dunkelblonder Kinnbart. Ein Betthäschen verglich mich nach einem Ritt mal mit einem neuzeitlichen Gladiator. Keine Ahnung, wie sie geheißen hatte, aber blasen konnte sie wie ein Profi. Besser jedenfalls als meine derzeitige Schnitte. Und dieser Gladiator stand jetzt wie blöde auf der grob gezimmerten Bühne und starrte hinab zu dem Inbegriff der Weiblichkeit. Wer war sie? Wie war ihr Name? Und, bei den Göttern, war sie überhaupt noch zu haben? Ich musste es herausfinden. Wie betäubt machte ich einen Schritt vorwärts, stolperte über ein Kabel und fiel von der Bühne, wobei ich den Mikrofonständer mit mir riss. Es schepperte laut. Die Akustik der Halle trug den Lärm durch den ganzen Raum und ich Trottel lag auf der Fresse. Aber wenn sie etwas von meinem Missgeschick bemerkt hatte, ließ sie sich nicht das Geringste anmerken. Noch immer unterhielt sie sich mit dem Seuchenvogel mit der Scheinwerferbrille. Worüber redeten sie? Wieso schenkte sie ihm ihre ganze Aufmerksamkeit? War er ein Verehrer? Egal, was für ein Amt er bekleidete, selbst wenn er zur skandinavischen Königsfamilie gehörte, für mich war er in diesem Moment ein Konkurrent. Ich stand auf, richtete mein T-Shirt und ging auf die beiden zu. Mit jedem Schritt, dem ich mich der Königin näherte, klopften meine beiden Herzen ein wenig schneller. Es schien, als ob eine kalte, aber glänzende Aura von der Unbekannten ausging. Kühl und unantastbar, aber verlockend und majestätisch wie… Teufel, nein, normalerweise schwafele ich nicht so einen neo-romantischen Murks. Aber in diesem Augenblick war ich auch nicht normal. Sie hatte mich verzaubert. Noch immer beachtete sie mich nicht, aber ich konnte ihre Stimme hören. Tief und melodisch. Dann stand ich neben ihr.

„Hi, ich bin Sven Löfgren, Frontman von Burning Fist Of Odin. Willst du ein Autogramm?“

Seht her, der Flirtprofi bei der Arbeit. Nicht. Mir war klar, dass ich mich zum Idioten machte, aber es war das Erste, was mir einfiel. Und ja, ich hatte noch immer eine gewaltige Erektion.

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